Warum ich mich entschied, Trauerrednerin in Bern zu werden

Warum ich mich entschied, Trauerrednerin in Bern zu werden

Es ist mein fünfjähriges Jubiläum als Trauerrednerin.

2020 erkrankten viele Menschen an Covid und viele starben an dieser Krankheit. Ich bewarb mich auf neue eine Stelle, die für mich eine grosse Herausforderung geworden wäre. Während meiner Vorbereitung zu den Gesprächen starb die Mutter einer Kollegin. Ich hatte sie nicht gekannt, wusste aber wie sehr die Kollegin unter dem Tod ihrer Mutter litt. Wir hatten viele Gespräche und ich merkte, wie viel mehr es mein Herz zu diesen Trauergesprächen zog, als zu den Bewerbungsgesprächen mit Visionen für die nächsten Jahre. Da die Mutter der Kollegin nicht besonders religiös war, bot ich an eine freie Abschiedsfeier zu gestalten. Ich hatte bereits Ideen, wie ich Rituale und Musik einfügen würde. Doch die Kollegin wählte einen Pfarrer für die Abschiedsfeier, vielleicht weil es sich so anbot. Durch diese Gedanken war die Bewerbung auf die neue Stelle in den Prioritäten nach hinten gerutscht – und auch wenn ich die Stelle erhalten hätte, hätte ich sie wohl nicht mehr gewollt.

Zwar ein toller Beruf, doch da fehlte etwas

Als Lehrperson und Coach faszinieren mich die herausfordernden Situationen, dann wenn es nicht alles nach Plan läuft. Gerne doziere ich und oft bin ich auch berührt, in Momenten, in denen mir alle aufmerksam folgen, wenn ich Geschichten erzähle. Das war nicht immer so. Früher hätte ich im Boden versinken wollen, wenn ich vor einer Gruppe etwas sagen sollte. Doch irgendwann fand ich Gefallen daran Menschen zu unterhalten. Und auch die andere Seite mochte ich; zuzuhören und als Coach gemeinsame Lösungen zu finden. Doch Trauer, Abschied oder Sterben – das war bis dahin nicht meine Welt.

Trauerfeiern die nicht passen

Die Trauerfeiern mit vielen Bibelstellen oder Texten, die einfach nicht zur Person passen wollen, die ich kannte, hatte ich erlebt. Irgendwo kam vielleicht noch ein Brief eines Kollegen vor, als persönlichster, kurzer Moment in der ganzen Feier. Da sass ich öfter mal in der Kapelle und dachte: Das könnte man besser machen. Eine Feier zum Abschied eines Menschen sollte ihn doch zeigen, wie er war. Das geht aber nicht mit irgendwelchen Bibelstellen und Texten, die bei der nächsten Feier wieder benutzt werden. Darin konnte ich keinen Trost finden, es war für mich eher ärgerlich. Vor allen wenn jemand gestorben war, der mir nahestand.

Würde ich es wirklich besser machen können?

Menschen, die jemanden verloren haben, sind sehr sensibel. Es ist ein Unterschied, ob ich vor einer Ausbildungs-Klasse über Feedback und Reflexion, oder über die Begleitung von Lernenden und Studierenden rede, oder über eine Lebensgeschichte und den Tod. Ob ich das wirklich kann, und ob es sich neben meiner Arbeit als Lehrperson organisieren lässt? Dies waren meine Gedanken und ich legte den Wunsch doch für eine kurze Zeit beiseite.

Mit der Mentorin änderte sich alles

In meinem Zweifel ob es für mich das Richtige ist, wandte ich mich an Susanna Cerny. Ich lernte sie an der Trauerfeier meiner Schwiegereltern kennen und fand – genau so sollte eine würdevolle Abschiedsfeier sein. Sie erzählte Episoden aus dem Leben und wir konnten auch lächeln bei den Erinnerungen. Als ich mit ihr Kontakt aufnahm, war sie selbst in einer schwierigen Situation und vertröstete mich auf später.
Wie ich danach die Möglichkeit fand, an der Zeremonienakademie die Trauerrednerausbildung zu machen, weiss ich heute nicht mehr so genau. Die guten Gespräche vor der Ausbildung mit Kathrin Maag, das solide Handwerk, das ich dort erlernte, erleichterten mir den Einstieg. Als ich dann die erste Anfrage für eine Trauerfeier erhielt, war ich aufgeregt. Da kam meine Mentorin zum Zug. Am Telefon beriet sie mich, wie ich am besten vorgehen kann. Das war für mich Gold wert.

Rita Scheurer mit Zertifikat

Der Presslufthammer

Da stand ich im Mai 2021 auf diesem Friedhof im kleinen Dorf. Auf der Strasse waren Bauarbeiten im Gange. Der Presslufthammer war sehr laut.
Der Sohn der Verstorbenen fragte die Bauarbeiter, ob sie eine kurze Pause machen könnten. Keine Chance, der Bauarbeiter hatte kein Gehör. Erst als der „Sigrist“ dem Bauchef telefonierte, wurde es stiller auf dem Friedhof, so dass mich auf die älteren Gäste verstanden haben. Eine ältere Frau lächelte mir zu und sagte: „Sie war eine langjährige Freundin, sie war genau so wie Sie sie beschrieben haben so als hätten Sie sie gekannt.“

Wenn die Trauerrednerin trauert

Es war im August 2024 und ich tanzte auf dem Waisenhausplatz in Bern. In den Sommermonaten verlegen wir unser Linedancetraining bei gutem Wetter dorthin. Mein Telefon klingelte während einer kurzen Pause. Die Nummer war ungewohnt. Zwar hatte ich sie gespeichert, doch seit längerem hatten wir keinen telefonischen Kontakt mehr.
«Hallo Rita, ich möchte dich etwas fragen,» sagte Irene. Wir hatten beruflich über längere Zeit intensiv zusammengearbeitet. Daraus war eine Freundschaft entstanden. Ich wusste, dass sie sehr krank war und hoffte immer wieder, dass sie bald wieder zur Arbeit kommen würde. Ihr Anruf kam überraschend. «Ich bin auf der Palliativabteilung und mein Leben wird nicht mehr lange dauern. Wirst du meine Abschiedsrede halten?» Mir kamen die Tränen und ich wusste nicht, was ich sagen soll. Auf beiden Seiten war es einen Moment still. «Ich weiss nicht ob ich das kann,» sagte ich. «Vielleicht breche ich während der Rede in Tränen aus, ich weiss es nicht.» Ich konnte Irene danach noch drei Mal im Spital besuchen, sie schilderte mir ihre Werte im Leben und was ihr wichtig ist und was sie weitergeben möchte. Für mich eine unglaublich intensive und lehrreiche Zeit.
Sie starb im September und anfangs Oktober war die Trauerfeier. In Stalden, einem katholischen Dorf im Wallis. Der Friedhof war voller Menschen: Familie, Freunde und das halbe Dorf waren anwesend. Ich schaffte es vielleicht darum, weil ich vor der Abschiedsfeier um Irene schon viele Tränen vergossen habe.
«Es braucht nicht immer einen Pfarrer,» sagten Leute aus dem Dorf, als wir nach der Trauerfeier vom Frauenverein mit Brot, Käse und Wein bewirtet wurden.

Link zum Blogartikel – Trauerfeier planen

Warum ich heute wieder (Trauer)rednerin werden würde

Die vielen Begegnungen, die Menschen, die ich kennen lernte und die mir in Erinnerung bleiben. Und sie bereichern mein Leben. Ich liebe ihre Geschichten und ich begleite sie gerne in ihrer schwierigen Zeit. Abschiednehmen zu können ist im Trauerprozess ein wichtiger Schritt.

Trauerrednerin Rita Scheurer für die Mini-Serie Vom Ende des Lebens.
Foto: Beat Mathys / Tamedia AG.

Bild von Beat Mathys anlässlich eines Portraits in Bund und Bernerzeitung BZ

Zuhören, schreiben und reden

Unendlich viele traurige und schöne Geschichten, hörte ich in den letzten Jahren. Ich halte sie auf für eine Rede oder eine Lebensgeschichte fest. Denn es kommt immer wieder vor, dass die Menschen ihre Geschichten festhalten wollen, so lange sie noch am Leben sind. Auch das ist eine sehr schöne Aufgabe, die ich immer wieder erleben darf.

Notizbücher

In diesen Notizbüchern sind Geschichten der letzten Jahre.

Eine kleine Statistik aus den letzten fünf Jahren

Stande Mai 2026
63 Trauerreden
1 Willkommensfeier – anstelle einer Taufe
2 Geburtstagsreden
8 Lebensgeschichten

Trauerbegleiterin

In den vielen Begegnungen mit Menschen nach einem Verlust, kam ich oft mit allerlei Gefühlen in Kontakt. Einerseits war da Trauer, doch sie mischte sich auch mal mit Wut und anderen Gefühlen. Um dies besser zu verstehen und die Menschen besser begleiten zu können wollte ich mehr über die – wie sie Monica Lonoce nennt – Gefühlsqualitäten wissen. In der Schule für Trauerbegleitung tauchte ich ins Thema ein. Jetzt nach dem Zertifikatslehrgang Trauerbegleitung bei Monica Lonoce konnte ich sehr oft schon von den wertvollen „Tools“ profitieren. So etwa, wenn da mehr Wut als Trauer spürbar ist nach dem Tod eines Angehörigen.

Berufsverband mehr als ein Qualitätslabel

Mitglied zu sein im Berufsverband Schweizerischer ZeremonienleiterInnen, ist für mich einerseits ein Qualitätslabel. Denn wer aktiv im Verband ist, muss auch die Vorgaben einhalten: Mehrere Zeremonien jährlich, Weiterbildungen, Reflexion der eigenen Arbeit und Austausch mit anderen Zeremonienleitenden ist da verlangt. Für mich zählt auch der Austausch mit Kollegen und Kolleginnen, die ihre Karten auf den Tisch legen und über Erfolg, Misserfolg und auch Fehler reden und einander unterstützen. Es sind Kolleginnen und Kollegen, ich mit einem guten Gefühl weiterempfehlen kann. Es kommt auch vor, dass ich etwas zum ersten Mal mache. Dann es gut, auf erfahrene Rednerinnen zählen zu können, die mich gerne beraten.

Menschen die mich unterstützen

Ein grosses Dankeschön gilt allen die mich in den letzten fünf Jahren unterstützten. Die mir vertrauten und mir viele schöne und andere Geschichten erzählten.
Viele Rückmeldungen erhielt ich, die mich wissen liessen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Kritisch, reflektiert und immer bestrebt, das Beste zu geben. So dass der Abschied von einem Angehörigen auch immer etwas Tröstliches hat und trotz grosser Trauer in guter Erinnerung bleibt.

Über mich

Ich bin Rita Scheurer, Trauerrednerin und Rednerin mit Kopf, Herz und Hand. Ich begleite Menschen in schönen und schweren Momenten dabei, Worte für das Unaussprechliche zu finden – mit einfühlsamen Abschiedsfeiern, Pensionierungsreden und persönlichen Lebensgeschichten. Mein Anliegen ist es, Erinnerungen lebendig zu halten und stimmige Feiern zu gestalten. Sei dies Willkommens-, Abschiedsfeiern oder freien Trauungen.
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Beitragsbild: Remo Eisner