Zuhören – die unterschätzte Superpower
Stell dir vor, du wartest auf dein Date vor dem Loebegge in Bern. Du schaust immer wieder auf die Uhr, hältst Ausschau, lässt den Blick schweifen. Und dann ist es so weit. Die Person kommt.
Es ist – zumindest in diesem Moment – der schönste Mensch in ganz Mitteleuropa. Gut, die Nase und der Haarschnitt sind nicht perfekt. Aber das spielt keine Rolle. Ihr nehmt euch in die Arme, geht ein Glas Wein trinken, erzählt euch Geschichten. Alles ist neu und aufregend. Man hört einander zu. Die berühmten Schmetterlinge im Bauch sind da. Noch sind sie achtsam, präsent und kaum auszuhalten.
Wer hat das oder etwas Ähnliches nicht schon erlebt?
Ein, zwei Jahre später sieht dieselbe Szene oft anders aus. Du sitzt zu Hause auf dem Sofa, der Krimi ist gerade in einer entscheidenden Phase. Der Schlüssel dreht sich im Schloss, und eine Stimme ruft:
«Hi Schatz, stell dir vor, mein Projekt, an dem ich seit drei Monaten arbeite, hat den Wettbewerb gewonnen!»
Und du antwortest:
«Hi Schatz … jetzt grad nicht. Kann ich da noch weiterschauen? Später.»
Die Begeisterung verpufft. Der Frust bleibt. Vielleicht ist das kein Drama – vielleicht aber auch der leise Anfang vom Ende.
Die gute Nachricht
Diese Superpower, die uns einmal unwiderstehlich gemacht hat, ist nicht verloren. Wir können sie wieder aktivieren. Auch ohne Dauerverliebtheit.
Sie heisst Zuhören. Und sie braucht Achtsamkeit.
Warum ich über Zuhören schreibe
Seit fast fünf Jahren bin ich Trauerrednerin und zeichne Lebensgeschichten auf. Ich begegne Menschen, die unglaublich viel erlebt haben – und gleichzeitig oft erleben, dass ihnen kaum jemand wirklich zuhört. Nicht aus bösem Willen, sondern weil viele selbst so viel zu erzählen haben.
Ihr kennt diese Situationen: Ein Stichwort genügt, und schon folgt eine Geschichte aus dem eigenen Leben. Selbst dann, wenn es gerade um den Kollegen eines Freundes geht, der etwas zutiefst Dramatisches erlebt hat. Menschen – in Ausnahmesituationen genauso wie im Alltag – möchten gesehen und gehört werden. Wenn das geschieht, öffnen sie sich. Dann entsteht Vertrauen.
Das habe ich in den letzten Jahren immer wieder erlebt.
Gut reden können ist nur eine Seite
Wir lernen sprechen als Kinder. Zuhören hingegen bringen wir uns selten bewusst bei. Dabei ist es mindestens genauso entscheidend. Die gute Nachricht: Zuhören kann man lernen.
Manchmal bedeutet das, ein wenig «den Verstand zu verlieren», wie Josh Pais es in seinem Buch Lose Your Mind beschreibt. Unser Verstand neigt dazu, alles Gehörte sofort mit eigenen Erfahrungen zu verknüpfen. Erzählt uns jemand etwas Trauriges, denken wir vielleicht gleich an unsere Tante mit der schweren Diagnose.
Doch Menschen wollen nicht übertroffen werden. Sie wollen verstanden werden. Sie wollen gehört und gesehen werden. Und genau das geschieht, wenn wir zuhören.
Was uns Forschung und Literatur zeigen
In Supercommunicators beschreibt Charles Duhigg, dass gute Kommunikator:innen nicht durch brillante Argumente überzeugen, sondern dadurch, dass sie Menschen das Gefühl geben, verstanden zu werden. Verbindung entsteht nicht durch Reden, sondern durch echtes Interesse am Erleben des Gegenübers. Menschen hören dann zu und öffnen sich, wenn sie sich sicher fühlen. Diese Sicherheit entsteht durch Nachfragen, Spiegeln und durch das bewusste Nicht-Bewerten.
Josh Pais ergänzt diese Perspektive in Lose Your Mind, indem er zeigt: Zuhören ist kein Kommunikationstool, sondern ein Zustand innerer Ruhe und Offenheit. Solange wir im eigenen Kopf festhängen, sind wir für andere nicht wirklich erreichbar.
Und Zach Mercurio beschreibt in The Power of Mattering ein menschliches Grundbedürfnis: Menschen wollen spüren, dass sie zählen. «Mattering» entsteht, wenn wir wahrgenommen, bestätigt und gebraucht werden. Zuhören ist dabei der erste Schritt von allem.
Auch Ariel und Shya Kane machen deutlich: Wirkliches Zuhören ist keine Technik, sondern eine innere Haltung. Die meisten Menschen hören nicht zu, um zu verstehen, sondern um zu reagieren. Während der andere spricht, formen wir bereits unsere Antwort – und verlieren genau in diesem Moment die Verbindung. Zuhören ist eine bewusste Entscheidung: Ich wähle, dich ernst zu nehmen. Ich wähle, mich dir zuzuwenden. Ich wähle, nicht wichtiger zu sein als das, was du gerade teilst.
Menschlichkeit versus Perfektion
Künstliche Intelligenz ist immer da, immer freundlich, immer bereit zuzuhören. In einem kleinen Selbstversuch wirkt sie einfühlsam, strukturiert, hilfreich. Sie bietet perfekte Antworten, fast wie aus einem Ratgeber.
Was sie (noch) nicht ersetzen kann, ist menschliche Wärme und Präsenz.
Ein Dialog mit ChatGPT – ein zufällig ausgewählter Prompt:
Ich: Kann ich dir etwas Trauriges erzählen?
ChatGPT: Ja. Du kannst mir etwas Trauriges erzählen.
Ich höre dir zu – ohne Eile, ohne Bewertung, Schritt für Schritt.
Du darfst so viel oder so wenig sagen, wie sich gerade stimmig anfühlt.
Ich bin da.
Ich: Ich habe schrecklichen Liebeskummer, was soll ich tun?
ChatGPT: Das tut mir leid. Liebeskummer kann sich wirklich schrecklich anfühlen – als würde etwas fehlen, das eigentlich selbstverständlich war. Erst einmal: Mit dir ist nichts falsch, nur weil es gerade so weh tut.
Ein paar Dinge, die jetzt helfen können – nicht als «Rezept», sondern als Halt:
Hier listet ChatGPT nun einige Ratschläge auf.
So gelingt es mir – meistens – zuzuhören
Ich versuche, mit allen Sinnen da zu sein. So, als wäre ich verliebt. Ja, das geht auch im Gespräch mit dem Chef. Wenn ich merke, dass meine Gedanken abschweifen, lenke ich sie wieder zurück. Ob ich etwas gut oder schlecht finde, ist in diesem Moment nebensächlich. Ich frage nach: «Wie meinst du das?» oder «Was hast du dann gemacht?»
Nicht perfekt – aber wirksam
Zuhören bedeutet nicht, perfekt zu sein. Es bedeutet, immer wieder zurückzukommen. In diesen Moment. Zu diesem Menschen. Wir können nicht alle Probleme lösen und nicht immer die richtigen Worte finden. Aber wir können da sein.
Und manchmal ist es genau das, was ein Mensch nie vergisst:
dass jemand geblieben ist.
Vielleicht schenkst du heute oder morgen keine Lösung und keinen Ratschlag, sondern einfach deine ungeteilte Aufmerksamkeit. Zuhören ist keine Technik. Es ist ein Zeichen von Respekt. Und vielleicht das Menschlichste, was wir einander geben können.
5 Hinweise wie du schnell Vertrauen aufbauen kannst – hole sie dir
Möchtest du rasch echtes Vertrauen aufbauen zu Menschen, die dir wichtig sind?
Hier bekommst du mein kostenlose Hinweise, wie es gelingen kann Vertrauen aufzubauen.
Über mich
Ich bin Rita Scheurer, Trauerrednerin und Rednerin mit Kopf, Herz, Hand und Humor. Ich begleite Menschen in schönen und schweren Momenten dabei, Worte für das Unaussprechliche zu finden – mit einfühlsamen Abschiedsfeiern, Pensionierungsreden und persönlichen Lebensgeschichten. Mein Anliegen ist es, Erinnerungen lebendig zu halten und stimmige Feiern zu gestalten. Sei dies Willkommens-, Abschiedsfeiern oder freien Trauungen.
Möchten Sie Ihre persönlich Lebensgeschichte dokumentieren?
Dann nehmen Sie mit mir Kontakt auf. Ich beantworte Ihre E-Mail auf jeden Fall.
Beitragsbild: Barbara Schärer Fotografie

Ein Kommentar zu “Zuhören – die unterschätzte Superpower”
Kommentare sind geschlossen.